Bildungssystem Hagener Manifest New Learning

Holt uns an den Tisch

Zukunftsfähige Hochschulen sind ohne uns, die Studierenden, nicht denkbar. Wir sind keine reinen Konsument*innen der Bildungsangebote, sondern bringen immer wieder neue Perspektiven auf verschiedene Themen ein, denken Ideen weiter und entwickeln eigenständig Lösungen für bestehende Probleme. Studierende stellen einen entscheidenden Part in der Hochschullandschaft dar und dies muss vermehrt auch in Wandlungsprozessen im Sinne des New Learning sichtbar sein.
Gerade mit Blick auf die hiermit einhergehenden Veränderungen der Hochschulbildung ist es bedeutsam, Studierende an Entwicklungsprozessen aktiv teilnehmen zu lassen und ihre Sicht auf Herausforderungen und Chancen einer immer stärker digitalisierten Hochschullandschaft und Arbeitswelt einzubinden.

Expert*innen fürs Studium

Wir sind Expert*innen dafür, von welchen Lehr- und Lernmethoden wir auf welche Art und Weise profitieren und womit wir in den jeweiligen Fachbereichen und Studiengängen Probleme haben. Darüber hinaus möchten wir gerne mitreden, wenn es darum geht, welche Kompetenzen Studierende in Zukunft für einen optimalen Übergang von der Hochschule ins Arbeitsleben benötigen und wie überfachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten in die Curricular eingebunden werden sollen.
Doch wie kann studentische Partizipation gewinnbringend und nachhaltig umgesetzt werden?
Neben einem Engagement in der Hochschulpolitik als unerlässliche Säule in jeder Hochschule gibt es daneben weitere Formate, in denen wir Studierenden uns an der Weiterentwicklung der Hochschullandschaft aktiv beteiligen können.

Beispielsweise können in Hackathons, wie dem Hackucation der FernUniversität gemeinsam mit anderen Studierenden, in kurzer Zeit innovative Ideen für die Zukunft der Hochschulbildung entwickelt werden. Aber auch die Beteiligung an einer Lehrveranstaltungsevaluation kann dazu beitragen, die Lehre an der eigenen Hochschule zu verbessern und die persönlichen Wünsche und Vorstellungen einzubringen.

Nachhaltige Beteiligung

Langfristiges Engagement stellt natürlich immer noch den nachhaltigsten Gewinn dar. Auch hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, in denen Studierende sich aktiv einbringen können, wie beispielsweise bei der Zukunfts-AG des Hochschulforums Digitalisierung (HFD), den „DigitalChangeMakern“. Hier treffen Studierende aus ganz Deutschland und aus verschiedenen Hochschulen und Fachbereichen aufeinander, die gemeinsam etwas in der Hochschullandschaft bewegen wollen. Dabei erhalten sie Unterstützung durch ein engagiertes Team des HFD, das nicht zuletzt die Vernetzung mit wichtigen Ansprechpartner*innen anstößt und die Teilnahme an Workshops ermöglicht, damit Studierende selbstsicher und strukturiert ihre Projekte vorantreiben können.

Auf diesem Weg werden diese mit ihren Vorstellungen einer zukunftsfähigen Hochschulbildung sichtbar, entwickeln Lösungsansätze für aktuelle Herausforderungen und initiieren Austauschmöglichkeiten für alle Beteiligten der Hochschullandschaft. Auch ich bin Teil des aktuellen DigitalChangeMaker-Jahrgangs und konnte gemeinsam mit drei weiteren Studierenden ein Roundtable-Format zum Thema nicht-lineare Lehr-/Lernstrukturen auf die Beine stellen: Denkfabrik Didaktik. In diesem tauschen wir uns mit verschiedenen Expert*innen und weiteren Studierenden unter anderem über das Scheitern im Hochschulkontext, Serious Games und bald über Micro Credentials und Studium generale aus.

Das klingt alles schön und gut, aber dennoch beteiligen sich immer noch viel zu wenig Studierende aktiv an der Weiterentwicklung der Hochschulbildung. Selbst niederschwellige Angebote, wie die anonyme Evaluation von einzelnen Lehrangeboten werden meist nur wenig genutzt. Aber warum ist das so?

Mehr studentisches Engagement erforderlich

Dies könnte daran liegen, dass sich über Jahrzehnte das Bild verfestigt hat, dass Lehrende und Hochschuldidaktiker*innen die Bildungsangebote bereitstellen und Studierende bloß als Kund*innen eingestuft werden. Doch genau das Gegenteil sollte der Fall sein. Wir müssen gemeinsam die Hochschullandschaft weiterentwickeln und für die Zukunft rüsten. Lehrende und Studierende sollten auf Augenhöhe miteinander darüber sprechen können, wie die Zukunft der Hochschulbildung aussehen soll, um so viele Bedarfe wie möglich berücksichtigen und die Lehre auf diesem Weg lernendenzentrierter gestalten zu können. Studierende, die sich aktiv einbringen, dürfen kein elitärer Kreis sein. Es sollten so viele Studierende wie möglich auch mit niederschwelligen, einmaligen Angeboten dazu ermutigt werden, sich aktiv einzubringen.

Von Veränderungen direkt profitieren

Wichtig ist, dass Ideen und Lösungsansätze von Studierenden nachhaltig sichtbar sind und eine Wertschätzung ihres Engagements stattfindet. Bei der Evaluation eines Lehr-/Lernszenarios sollten die Lernenden also nicht erst zum Ende des Semesters nach ihrer Meinung gefragt werden. Ihr Feedback sollte veranstaltungsbegleitend immer wieder eingeholt werden, sodass die Studierenden von den angestoßenen Veränderungen direkt profitieren können. Bei geplanten curricularen Veränderungen können Studierende schon relativ früh mit einbezogen werden, um von Beginn an ihre Einschätzungen und ihre Schwerpunkte zu berücksichtigen.

Raus aus der Passivität

Damit eine solche Zusammenarbeit von Lehrenden, Didaktiker*innen und Studierenden keine Einzelfälle darstellen, muss sich die Partizipationskultur verändert werden: Studierende sollten als gleichwertige Partner*innen bei der Weiterentwicklung der Hochschulbildung wahrgenommen und bei so vielen Veränderungsprozessen wie möglich – von der Konzeption eines neuen Studiengangs bis hin zur Toolauswahl in einem Seminar – einbezogen werden. Lehrende sollten offen mit Studierenden darüber sprechen, was gut läuft, was noch verbesserungswürdig ist und was Studierende sich für die Zukunft wünschen. Gleichzeitig dürfen wir Studierende uns nicht in eine passive Rolle drängen lassen: Bringen wir doch die Bereitschaft auf, uns in unterschiedlichen Formen zu beteiligen, und den Mut, die eigenen Ideen für die Verbesserung der Hochschullehre zu äußern. Nur so schaffen wir es, dass es „unsere“ Hochschulbildung als Gemeinschaftswerk wird, für die sich jede*r in seinen Möglichkeiten verantwortlich fühlt und die nur auf diesem Wege zukunftsfähig werden kann.

 

 

 

Autorinnen

Studentin im Masterstudiengang „Bildung und Medien: eEducation“ an der FernUniversität in Hagen, als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Lernen und Innovation an der Fernuni zuständig für „Teaching in the Digital Age”, seit Oktober 2020 als DigitalChangeMaker beim Hochschulforum Digitalisierung

2 Kommentare Neuen Kommentar hinzufügen

  1. Holger Thölke sagt:

    Danke für den inspirierenden Artikel und die Denkanstöße. Besonders gut hat mir der Punkt “Nachhaltige Beteiligung” gefallen. Wir Fernstudenten sind keine Kunden oder Bildungsempfänger sondern auch wir haben ein Interesse an der Weiterentwicklung der Bildungslandschaft in die Zukunft. Hier könnte man auch beispielsweise die besondere Situation an der FernUniversität nutzen. Der größte Teil der eingeschriebenen Studenten ist berufstätig und kann neben einer studentischen Perspektive auch eine Perspektive aus der Arbeitswelt mit einbringen. So könnte man aus erster Hand Ideen einbringen, welche Kompetenzen und Skills in Zukunft gebraucht werden und die FernUniversität könnte diese dann wissenschaftlich unterfüttern.

  2. John Doe sagt:

    Sie haben völlig Recht, dass Studenten essentieller Bestandteil des Konzepts Hochschule sind. Auch bei der Forderung, dass fortlaufend während des Semesters Feedback von den Studenten eingeholt werden sollte, sehe ich genauso. Jedoch zu fordern, dass Studierende beim Curriculum und der Einrichtung neuer Studiengänge als gleichwertige Partner anzusehen sind, ist nicht nur riskant, sondern fahrlässig. Den meisten Studenten, auch wenn es Ausnahmen gibt, fehlt das nötige Wissen, um maßgeblich neue Studiengänge mitzuerstellen. Eine deutlich sinnvollere Maßnahme wäre es, dass Professoren, Hochschulverwaltung und die Praxis Hand in Hand arbeiten, um Studiengänge und Curricula zu erstellen, die sowohl den akademischen Anforderungen als auch den aktuellen Bedürfnissen der Wirtschaft entsprechen. Sicherlich wird es Ausnahmen von Studierenden geben, die z.B. die wirtschaftlichen Bedürfnisse einschätzen können – der Regelfall ist dies jedoch nicht.
    Der Hauptgrund, dass sich wenige Studenten an der Weiterentwicklung der Hochschule beteiligen ist nicht, dass Sie als „Kundschaft“ eingestuft worden sind. Primär liegt es daran, dass der Fokus des Großteils der Studenten auf dem eigenen Studium und dem damit verbundenen Wissensgewinn und dem erfolgreichen Abschluss der Module liegt. Darüber hinaus fehlt vielen Studierenden auch schlichtweg die Zeit, um sich einzubringen.

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