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Wut und Wille

Was es bedeutet, in Pandemiezeiten Lehrer:in zu sein: Bevor ich diese Kolumne mit zu viel Realität versaue, zunächst die Erinnerung an einen der besten Berufe der Welt. Lehrer:in zu sein bietet so viel Abwechslung, so viele Möglichkeiten, mit jungen Menschen die Welt zu entdecken, ihnen Wege aufzuzeigen oder gemeinsam Wege zu entdecken. In einer weit entfernten Galaxie, in der Corona das Lehrpersonal noch nicht zu medizinischen Hilfskräften, psychologischen Betreuer:innen und medialen Sündenböcken gemacht hatte, war dieser Beruf so erfüllend, dass man an guten Tagen gar nicht wusste wohin, mit einem vor Glück überschwappenden Herz. Tage, an denen man es schaffte zu ermöglichen, dass die Schülerinnen und Schüler Freude daran hatten, „souverän, selbstbestimmt und verantwortungsbewusst in einer digitalisierten Gesellschaft zu handeln“, wie es so schön im Hagener Manifest heißt.

Das sind nicht nur Worte! Das sieht man, das merkt man, ja, manchmal fühlt man das sogar.

Wir sollten uns daran erinnern, nein: Wir müssen uns daran erinnern. Denn daran sollten wir uns hochziehen, gerade weil die momentane Situation in vielen Teilen der Republik anders aussieht.

Orchester auf der Titanic

Es ist nicht so, als hätte ich nicht geahnt, welche Antworten aus dem Netzwerk kommen würden, als ich fragte, was es gerade bedeutet, Lehrer:in zu sein. Aber die Bilder waren teilweise drastisch. Das unter die Frage gepostete GIF des Orchesters, das auf der Titanic spielt, während das Schiff schon sinkt, war da noch weniger drastisch. Andere schrieben, wir seien die Anzeiger dafür, wann die Krankheit nun doch zu stark wütet. Also das, was die Kanarienvögel vollbringen sollten, indem sie bei einem hohen CO2-Anstieg aufhörten zu singen.

Das, was aber am häufigsten kam, war der Eindruck der Ohnmacht. Der Resignation. Der Aufgabe. Und das ist nicht einfach irgendein nebulöses Gefühl, dass natürlich dennoch gespeist wäre von hunderten von Kommentaren. Verschiedene Studien zeigen, dass 10 bis 30 Prozent der Lehrkräfte unter einer Erschöpfungssymptomatik leiden.

Alles ist anders und bleibt gleich

Um zu verstehen, warum sich viele Lehrer:innen in dieser Lage sehen, lohnt es sich auf die politischen Entscheidungen der letzten Zeit zu schauen. Noch besser ist es aber, darauf zu schauen, welche Entscheidungen gar nicht erst getroffen wurden. Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass bei der Bund-Länder-Runde zu den weiteren Corona-Maßnahmen sehr deutlich gesagt wurde, welche Aufgabe den Schulen zugesprochen wird und die damit alle Lehrkräfte ausführen müssen: Betreuung.

Nun ist der Wunsch nach einer Betreuung, wenn diese gut strukturiert wird, gar nicht mal so unverständlich: Nicht alle Kinder und Jugendliche können einfach so zu Hause bleiben, wenn die Eltern arbeiten. Und dass ein einfaches Zurück zum Fernunterricht auch nicht so einfach ist, zeigen die trotz der partiell guten Entwicklungen im Bereich der digitalen Infrastruktur immer noch ungenügenden Voraussetzungen auf der einen und die Gefahr psychischen Leids auf der anderen Seite.

Der sehr unlustige Witz an der Situation ist aber, dass diese Forderung – man müsste sagen: diese Anweisung – aber nicht politisch unterstützt wird mit Rahmenbedingungen, die eine solche Betreuung in den Fokus nehmen.

Jüngst formulierte der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch einen tragisch komischen Twitter-Thread (eine Abfolge von mehreren Tweets also), in denen die Forderungen der Eltern den Beteuerungen der Politik im Hinblick auf die Schulen gegenübergestellt wurden.

Die Abfolge liest sich als eine traurige Antiklimax, in der die Politik zusichert, wirklich ALLES zu tun, sich am Ende jedoch herausstellt, dass von diesem Alles genau nichts mehr übrigbleibt.

Und in der Tat: Schon im November hielt Sascha Lobo in drastischen aber zutreffenden Worten fest, was seitdem immer deutlicher zutage tritt: An den Schulen zeigt sich das große Pandemieversagen der Regierung!

Die eigentliche Pointe ist jedoch eine andere: Wenn auf der einen Seite nichts getan wird, um eine Forderung durchzusetzen, dann müsste man auf der anderen Seite eigentlich erwarten, dass zumindest die Erwartungen nicht gleichbleiben. Und genau das ist nicht der Fall! Im Gegenteil. Ohne nochmals zu sehr ins Details zu gehen, zieht das Echo medialer Pauschalschelte durch die sozialen Medien.

Dabei geht es nicht darum, dass man als Lehrperson in Zeiten von Corona nicht lernen müsste, allzu pauschale Aussagen dem Lehrerjob gegenüber zu ignorieren. Vielmehr erscheint das eigene Erleben, in dem man sich aufreibt und alles tut, das möglich ist, um Lernen und Betreuung zu gewährleisten, gar nicht gesellschaftlich ankommt. Die Spitze der kognitiven Dissonanz also: Man reibt sich bis zur Selbstaufgabe auf, um dann in der Zeitung zu lesen, wie wenig man leistet.

Wut und Wille

Das ist der eigentliche Kern dieser Kolumne. Ich denke, ich spreche für viele, wenn ich sage: Wir brauchen kein Mitleid. Und es geht auch nicht darum, uns als Opfer zu inszenieren, um Streicheleinheiten oder einen Corona-Bonus zu bekommen.

Wir wollen für die Schüler:innen da sein! Nichts mehr als das!

Wir wollen neue Arten des Lernens ausprobieren, wollen das Digitale ernst nehmen, wollen uns vernetzen und „künstliche Gräben und Grenzen zwischen einzelnen pädagogisch organisierten Systemen und Institutionen (…) überwinden.“ Wir wollen ja! Aber dazu muss man uns auch lassen!

Zwischen all den Kommentaren dazu, was es bedeutet, Lehrer:in zu sein, waren auch Aussagen, die kraftvoll darauf verwiesen, was es bedeuten sollte:

Selten waren die Lehrer:innen so wichtig wie jetzt, heißt es da. Was es bedeute? Alles! Wir sollten die Nerven behalten, Verständnis und Haltung zeigen, geradeaus und authentisch sein. Und solidarisch. Mit uns und den Kindern. Beziehungen gestalten. Empathisch sein. Auffangen trösten, fördern.

Und man möchte den Verfassern zurufen: Ja, ja, ja – all das möchte ich! Und das sollte unsere Aufgabe sein. Es liegt in unserer Verantwortung, das Beste aus den Umständen zu machen. Aber ist es so viel verlangt, von den politisch Verantwortlichen zu fordern, dass sie endlich die Realität in den Schulen erkennen und versuchen uns dabei zu unterstützen, dass wir es schaffen, die vielen Aufgaben, die wir haben, auch leisten zu können?

Wir wollen unseren Beitrag leisten. Nun sollte politisch endlich dafür gesorgt werden, dass wir es auch können! Man könnte auch sagen: Wenn wir wollen, dass das Lernen neu gedacht wird und Schulen im 21. Jahrhundert ankommen, dann sollten die für die Strukturen Verantwortlichen auch langsam aus dem 20. Jahrhundert verabschieden.

 

 

 

Autorinnen

hauptberuflich Gymnasiallehrer, überzeugter Blogger, Autor, Referent und Keynote-Speaker im Bereich Digitalisierung, Referendariat und Unterrichtsentwicklung https://bobblume.de

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