Bildungssystem Hagener Manifest New Learning Schule

Mittel gegen das Bildungsversagen

Wenn man den Glauben an die Menschheit nicht verlieren will, sollte man nicht zu viel Zeit in den Kommentarspalten der Sozialen Medien verbringen. Denn hier wird ein Bildungsversagen deutlich, das einen nur verzweifeln lassen kann.

Nicht erst seitdem ich vor allem auf TikTok mit Menschen diskutiere, die mir meine Fähigkeit Lehrer zu sein absprechen, weil ich mich fürs Impfen ausspreche, mache ich mir Gedanken über eine zentrale Frage. Ich konnte sie bisher nicht beantworten. Die Frage lautet: Woran fehlt es Menschen, die es für angemessen halten, in Sozialen Medien Corona zu leugnen, tausende Tote in Ordnung zu finden, der Wissenschaft nicht zu trauen, Informationen nicht wahrzunehmen?

Ich meine das nicht zynisch. Ich formuliere es nicht aus einer überheblichen Position heraus. Es ist eine Frage, die mich umtreibt.

Wenn wir nach Antworten suchen, dann kommen einem einige Möglichkeiten in den Sinn: Mathematische Fähigkeiten sollten trainiert werden – sodass man in der nächsten Pandemie oder bei der nächsten Variante versteht, was exponentielles Wachstum ist. Oder Empathiefähigkeit sollte geschult werden, damit man sich nicht darüber lustig machen muss, dass eine alte Dame weinend angibt, dass ihr Mann gestorben ist. Man kann lustig – oder eher traurig – so weiter spekulieren. Wahrscheinlich wird sogar jeder in seinem Fach etwas finden, was noch mehr geschult werden muss.

„Ganz normale Menschen“

Aber richtig näher kommen wir dem Problem damit nicht. Denn natürlich gibt es Menschen, die aus persönlichen Gründen so weit weg von einem sinnvollen Diskurs sind, dass es sich nicht lohnen würde, darüber zu spekulieren, wo die Bildung versagt haben mag. Aber es gibt eben auch viele „ganz normale Menschen“ mit einem Job und einer Familie, die normalerweise in einem Verein spielen, interessante Hobbys haben – und die dennoch den Anschluss an den Diskurs verloren zu haben scheinen.

Damit meine ich: Es sind Menschen, die in der Lage sind zu argumentieren, die Quellen finden und diese anbringen, die sich austauschen wollen und die dennoch Erzählungen wiederholen, die tief aus der Querdenker-Szene stammen, die mich so umtreiben. Die uns alle umtreiben sollten.

Denn aus vielen dieser Stimmen, von denen wir stetig hören, dass man ihre Sorgen und Ängste ernstnehmen sollte, spricht ein tiefes Unverständnis der momentanen Zeit. Zeit, nicht Lage. Corona wurde lange genug als Brennglas bezeichnet, als dass wir wissen, dass die meisten der nun aufscheinenden Probleme mehr sind als ein kurzes Krisenphänomenen.

Neues Lernen als Bindeglied

Im Zuge dieser Kolumne habe ich das getan, was naheliegend erscheint: Ich habe geschaut, ob in den Ausführungen zum „New Learning“ im Hagener Manifest eine Antwort auf meine Frage zu finden ist. Ich möchte ganz ehrlich sein: Geglaubt habe ich das nicht. Denn obwohl ich als Mitunterzeichner an den dort zu lesenden Punkten mitgearbeitet habe und hinter einer Veränderung des Lernens stehe, ist das Problem zu groß, um mit einem Begriff geklärt zu werden. Oder mit dessen Inhalten.

In der Kurzzusammenfassung erschien dann aber eine Passage, die ich für meine Problemstellung sehr treffend fand: Dort heißt es unter „Digitale Transformation der Gesellschaft gestalten“:

New Learning befähigt dazu, den Wandel in Gesellschaft und Arbeitswelt zu verstehen und aktiv mitzugestalten. Es geht nicht darum, sich den technologischen und ökonomischen Anforderungen einfach anzupassen. Zum Kompetenzerwerb im Sinne von New Learning gehört vielmehr auch, konstruktiv und kooperativ miteinander zu lernen, zu agieren und mit den digitalen Wirklichkeiten reflektiert umgehen zu können. New Learning stellt dabei die Lernenden in den Mittelpunkt und ermächtigt sie zum selbstbestimmten lebenslangen Lernen in einer digitalen Lebensrealität.

Dabei sind mir zwei Punkte besonders ins Auge gesprungen: das aktive Gestalten des Wandels der Gesellschaft auf der einen Seite und das selbstbestimmte lebenslange Lernen auf der anderen. Warum?

Weil die Forderung zeigt, dass es genau daran mangelt. Selbstbestimmtes lebenslanges Lernen bedeutet ja vor allem eine Haltung, die das eigene Wissen und Können als unabgeschlossen sieht. Es bedeutet, mehr zu fragen als zu sagen. Es bedeutet, in dem, was man nicht versteht, Möglichkeiten zu sehen.

Zu viele Schulabgänger sehen aber Schule als Akkumulation von Hürden, deren Sinn nicht deutlich wird. Lernen wird dabei zu einem Prozess vor einem Test, in dem es darum geht, eine Ziffer zu erhalten. Wer aber keine Möglichkeiten sieht, sondern nur Hürden, der nimmt Lernen als Angriff war. Und das bleibt so und bricht sich in den Kommentarspalten bahn.

Und dies ist auch bei fehlender Selbstbestimmung der Fall. Schulen sind nicht gerade Orte, an denen Kinder und Jugendliche angehalten werden, sich zu entfalten. Wie auch, wenn dafür keine Zeit ist zwischen all dem, was getan werden muss. Fehlende Selbstbestimmung aber führt zu Ohnmacht. Und wer sich je ohnmächtig gefühlt hat, weiß, wie wütend das macht.

Wir müssen etwas tun

Also einfach das Lernen umschalten und alles wird gut? Nein, so einfach ist es nicht. Aber wir müssen beginnen, an den Hebeln zu drücken, die es schon gibt. Denn eines ist klar: Wir müssen etwas ändern. Wir können nicht an der Seitenlinie stehen und dabei zusehen, wie aus jungen Menschen, die sich dauernd gegängelt fühlen, Erwachsene werden, die ihren Hass in die Kommentarspalten schütten. Vielleicht müssen wir mehr Mathematik lehren. Und vielleicht müssen wir die Empathie fördern. Das mag alles sein. Vor allem aber müssen wir die Menschen fit für eine Zukunft machen, die so komplex ist, dass man sich ohnmächtig und wütend fühlt, wenn man es nicht gelernt hat, aktiv zu gestalten und zu lernen.

Das ist es aber, was wir benötigen:

Junge Menschen, die Selbstwirksamkeit erlernt haben, die im Lernen und im Verstehen eine Chance sehen, keinen Angriff. Die in bestehender Komplexität Herausforderungen sehen, denen man gemeinsam begegnen kann. Denn erst aus einer solchen Haltung heraus, ergeben sich die Chancen dafür, globale Probleme zu lösen. Oder auch so miteinander zu sprechen, dass man zumindest zu einer gemeinsamen Grundlage kommt, in der nicht jede andere Meinung ein Angriff ist.

Wir haben eine riesige Aufgabe vor uns.


Alle Bildnachweise finden Sie auf der Seite Bildverzeichnis

Autorinnen

hauptberuflich Gymnasiallehrer, überzeugter Blogger, Autor, Referent und Keynote-Speaker im Bereich Digitalisierung, Referendariat und Unterrichtsentwicklung https://bobblume.de

2 Kommentare Neuen Kommentar hinzufügen

  1. Fontanefan sagt:

    1. Ich denke, das Problem ist eher ein politisches als ein Problem mangelnder Lernbereitschaft. Denn auch unter Wissenschaftlern, für die Auseinandersetzung mit sich widersprechenden Aussagennotwendige Arbeitsvoraussetzung ist, hat sich der Diskurs verschärft.
    2. Die Kritik an der Gegenseite greift häufig zu kurz oder wird missverständlich formuliert. Wenn seit Jahrzehnten in Deutschland monatlich durchschnittlich rund 20 000 Menschen sterben, ist es normal, “tausende Tote in Ordnung zu finden”. Problematisch sind die Begründungen, mit denen eine Übersterblichkeit in Kauf genommen wird.

    In Halberstadt hat man begonnen, öffentliche Gespräche zu den Coronamaßnahmen anzuregen und zu koordinieren. Wo eine Bereitschaft, sich zuzuhören geweckt wird, entstehen Chancen.
    Andererseits: über den Klimawandel wird seit Jahrzehnten geforscht, diskutiert und nach Auswegen gesucht. Auch hier gibt es politische Gründe, weshalb die Erfolge völlig unzureichend geblieben sind.

    Dass Corona bestehende Unzulänglichkeiten deutlich hervortreten lässt, gilt allerdings durchaus auch für das Bildungssystem. Und bisherige Fehlentwicklungen beweisen nicht, dass es keine Verbesserungsmöglichkeiten gäbe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.