Arbeitswelt

Digitale Daten und die Frage nach der Verantwortung von Pädagog*innen

Daten sind überall und nirgends. Wir leben in einer datafizierten Welt und können den Datenbegriff kaum greifen. Deswegen widmeten wir uns im Rahmen der 8. Hagener Bildungskonferenz einem Online-Workshop zum Thema Zur Verantwortung von Pädagog*innen in datafizierten Bildungskontexten. Das Bildungsnetzwerk Hagen veranstaltete im Sommer 2021 in Kooperation mit dem Zentrum für pädagogische Berufsgruppen- und Organisationsforschung (ZEBO Hagen) der FernUniversität in Hagen eine Online-Bildungskonferenz mit dem Titel Digitalität und Bildung. Wir, das Lehrgebiet Mediendidaktik an der FernUniversität in Hagen, haben uns gerne beteiligt.

Lotsen im Datendschungel

Im Zuge unseres Workshops haben wir uns mit Teilnehmenden aus unterschiedlichen beruflichen Kontexten wie Kindergarten, Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung ausgetauscht und den Blick auf verschiedene Interessen der Datensammlung, -verarbeitung, -nutzung und -speicherung gerichtet. Die übergeordneten Fragen lauteten: Welche Rolle habe ich als Pädagog*in im Umgang mit Daten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in diesem ‚Datendschungel‘? Inwiefern muss und kann ich Verantwortung in meinem pädagogischen, professionellen Alltag eines datafizierten Bildungskontextes übernehmen? Eine klare und eindeutige Antwort auf diese Fragen haben wir nicht. Aber wir sind ihnen aus medienpädagogischer Perspektive nachgegangen und haben erste mögliche Hinweise erhalten.

Daten sind nicht roh, sondern gekocht

Bei einer Annäherung an den Daten-Begriff haben wir schnell festgestellt, dass wir digitale Daten recht unterschiedlich erklären, wenn wir versuchen, den Begriff für Außenstehende beziehungsweise unbeteiligten Personen verständlich zu machen – so zum Beispiel unserer Großtante. Dabei zeigte sich, dass Daten oftmals Faktualität vermitteln. Allerdings werden sie stets unter bestimmten Bedingungen und mit bestimmten Interessen hergestellt: Daten sind demnach keine ‚Rohmaterialien‘, sondern ‚gekocht‘ bzw. mit ihrer Erstellung bereits in irgendeiner Weise geprägt und gestaltet (Gitelman, 2013). Der Erziehungswissenschaftler Neil Selwyn spricht von einem „social life“ (Selwyn, 2020, S. 2) der Daten. Er meint damit, dass Daten orts- und zeitungebunden sind, aus ihrem Kontext herausgelöst und (re-)kombiniert werden können.

Unbeteiligten Personen, also solchen, die an der Verarbeitung, Weitergabe und Produktion von Daten nicht per se beteiligt sein müssen, können damit beispielsweise städtische Strukturdaten, die Arbeitslosenquote und die Kriminalitätsrate digital zugespielt werden, sodass diese ihre Schlüsse und ggf. Handlungsentscheidungen ziehen. Dieses gezeichnete Datenbild kann nur einen Ausschnitt darstellen, hebt etwas Bestimmtes hervor und bildet dafür etwas Anderes nicht ab.

Interessen an digitalen Daten im Bildungskontext

In vier Kleingruppen haben wir versucht zu explizieren, welche Interessen mit Daten in Bildungskontexten verbunden sein können. Nacheinander widmeten wir uns möglichen gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen und individuellen Interessen. Oftmals lagen politische und ökonomische Beweggründe am nächsten und wir konnten schnell Aspekte wie Ressourcenmanagement, Wissensmanagement, die Vereinfachung von Verwaltungsprozessen, Steuerung oder Flexibilität herausarbeiten. In den Gesprächen wurde auch deutlich, wie bedeutsam individuelle Perspektiven von Lernenden sowie Pädagog*innen sind. So sprachen die Teilnehmenden die Möglichkeit an, orts- und zeitunabhängig arbeiten zu können, erhofften sich Chancengerechtigkeit durch die Nutzung digitaler Daten oder wussten zielgruppenspezifische Werbung zu schätzen.

Wir gehen also von durchlässigen, beweglichen und unscharfen Interessenslagen aus, die eng miteinander verwoben sind und nicht immer als rein ökonomisches, politisches, gesellschaftliches oder individuelles Interesse klar voneinander abgegrenzt werden können (siehe auch Allert et al., 2017). Diese Unschärfen machen eine Reflexion digitaler Daten und ihrer Bedeutung für das eigene (pädagogische) Handeln nicht unbedingt einfacher. Wir beziehen uns hierbei auf ein grundlegendes Verständnis von Subjektivierung, welches weder von einer technik- noch von einer sozialdeterministischen Perspektive ausgeht. Vielmehr möchten wir dafür sensibilisieren, dass Gesellschaft und Datentechnologien von sozialen und kulturellen Bedingungen bestimmt sind und dennoch Möglichkeiten der produktiven und selbstbestimmten Nutzung bestehen (Allert et al., 2017).

Sammeln, verarbeiten, speichern, verwerten – eine Frage der Verantwortung?

Wir fragten zum Abschluss des Workshops, wie die Teilnehmenden ihre eigene Verantwortung in datafizierten Bildungskontexten einschätzen würden. Es ist nicht ganz leicht, sich dieser Frage zu nähern, wenn die verschiedenen Datenformen und Interessen undurchsichtig sind und bleiben. Wie können Pädagog*innen überhaupt Verantwortung übernehmen? In einer Abschlussrunde wurde betont, dass ein umsichtiger Umgang mit Daten im Kleinen mit einer Reflexion datenbasierter Entscheidungen – in Kindergärten oder bei der Entscheidung für oder gegen eine Lern-App – beginnen könne beziehungsweise müsse.

Der Mehrwert der Datenproduktion und -nutzung muss daher immer wieder abgewogen und es muss über die verschiedenen Interessenslagen reflektiert werden, um zu einem möglichst vielschichtigen Bild potenzieller Bedeutungen für (pädagogisches) Handeln zu gelangen. Pädagog*innen sollten sich vergegenwärtigen, dass sich mit digitalen Daten neue Möglichkeiten der Produktion und Verarbeitung ergeben und diese oftmals Grundlage des (pädagogischen) Handelns sind. Gleichzeitig zeichnen sie ein bestimmtes Bild von sozialen Prozessen und Gegenständen.

Auch sollten Pädagog*innen sich bewusst machen, dass verschiedene Interessen bei der Sammlung, Verarbeitung, Speicherung und Verwertung von Daten in Bildungskontexten bestehen. Nicht zuletzt sind Pädagog*innen verantwortlich, sich selbst weiterzubilden sowie Medienkompetenzen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu fördern. Verantwortung übernehmen heißt, sich zunächst mit digitalen Daten auseinanderzusetzen. Hierin sehen wir erste Hinweise sowie wichtige Schritte in Richtung einer reflektierten Verantwortungsübernahme von Pädagog*innen im alltäglichen Umgang und Handeln mit Daten.

 

Literatur

Allert, H., Richter, C., & Kindler, B. (2017). Perspektiven auf Daten, Praktiken und neue Datenverarbeitungskollektive. Medien & Erziehung, 61: 77-92. https://www.researchgate.net/publication/321919330_Perspektiven_auf_Daten_Praktiken_und_neue_Datenverarbeitungskollektive.

Allert, H., Asmussen, M., & Richter, C. (2017). Digitalität und Selbst: Einleitung. In Digitalität und Selbst, herausgegeben von H. Allert, M. Asmussen, und C. Richter, 9–26. Bielefeld: Transcript Verlag, 9-26.

Gitelman, L. (Hrsg.) (2013). „Raw Data“ is an Oxymoron. MIT University Press Group Ltd.

Selwyn, N. (2020). ‘Just playing around with Excel and pivot tables’—The realities of data-driven schooling. Research Papers in Education, 1–20. https://doi.org/10.1080/02671522.2020.1812107.

 

Alle Bildnachweise finden Sie auf der Seite Bildverzeichnis

 

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